Mittelalterliche Gewölbe- und Maßwerkspolien aus Münster // WiSe 2016/17

Mittelalterliche Gewölbe- und Maßwerkspolien aus Münster

Olivia Golde, Nike Sammer / Masterarbeit WiSe 2016/17

Mittelalterliche Gewölbe- und Maßwerkspolien aus Münster

Einleitung:

1015 zum Teil stark gebrochene Spolien* wurden von der Stadtarchäologie Münster bei einer Routine-Ausgrabung im Innenstadtgebiet Münsters in den  Fundamenten  einer  ehemaligen  Gademenreihe  entdeckt. Großes Interesse bestand in der  Dokumentation  der  Werkstücke und in  der  Frage  nach  dem  daraus  einst  zusammengesetzten  Sakralbau.  So  ergaben  sich während  der  neun  in  Münster  verbrachten Wochen zwei Zielsetzungen für die Arbeit an den Bauteilen: Die umfassende Dokumentation aller Werkstücke und die zeitliche und bauliche Einordnung der Gewölbe- und Maßwerkteile im Besonderen.

Methodik:

Systematisch wurden zunächst alle Bauteile nummeriert, kurz beschrieben und fotografisch dokumentiert. Nach einer Feinsortierung hinsichtlich Werkstücken, die ursprünglich aus Gewölben oder Maßwerkfenstern stammen, stellten sich ca. 400 Teile als für die in den Masterarbeiten zu untersuchenden Themenfelder relevant heraus. Neben der allgemeinen Dokumentation wurde für diese Bauteile zusätzlich ein Bauteilkatalog erstellt, in dem zunächst die Form und Profilierung und anschließend alle Seiten des Bauteiles genau beschrieben, sowie die Gesamtmaße und Maße der verschiedenen Profil-Bestandteile aufgeführt wurden. Um Untersuchungen an den Objekten jenseits des Lagerortes vornehmen zu können, erfolgte im nächsten Schritt der Einsatz der Photogrammetrie, bei der Objekte mit Hilfe von Licht vermessen werden, um sie später als digitales 3D-Modell in spezieller Software wie Cinema4D benutzen zu können. Das Erstellen und Exportieren sogenannter Ortho-Fotos  war vor allem bei der zweidimensionalen Rekonstruktion von Gewölbe- und Maßwerkstruktur wichtig. Man erhält dadurch verzerrungsfreie und maßstäblich korrekte direkte Ansichten der sechs verschiedenen Seiten des Bauteiles.

Eine Auswahl an Spolien wurde zudem nach den üblichen Methoden der händischen Bauteilaufnahme gezeichnet. Aus mit  Schnüren und Winkeln erzeugten Lotsystemen heraus gemessene Punkte wurden dabei im Maßstab 1:5 auf Zeichenpapier übertragen und anschließend zu verformungsgerechten Abbildungen verdichtet. Neben der detaillierten Auseinandersetzung mit dem Bauteil und den dadurch identifizierten Merkmalen wie Dübellöcher, Risslinien und Farbresten lag der größte Erkenntnisgewinn zum einen in der Feststellung der verschiedenen Typen und deren Unterschiede, zum anderen im wachsenden Gespür für Proportionen und Radien, Dimensionen und Krümmungen.

Um regionale Bautraditionen zu ergründen und damit Anhaltspunkte für die Rekonstruktionen zu erhalten, wurden schließlich die Gewölbe und Maßwerke mehrerer gotischer Kirchen in und um Münster in ihren formalen Ausprägungen analysiert.

Ergebnis:

Die geborgenen Gewölbespolien weisen überwiegend gängige Formen der gotischen Baukunst wie den Birnstab und den Kehlstab auf. Bei den meisten dieser Gewölbeteile handelt es sich um Bogensteine. Diese waren Bestandteil von Kreuzrippen oder von Bögen, die das Gewölbefeld begrenzten. Als besondere Stücke gelten ein Schlussstein sowie ein Kreuzungsstein. Der Schlussstein besitzt 4 Anschlussflächen für Rippen mit dem Kehlstabprofil. Die Untersuchungen zeigen, dass er aus einem rechteckigen Joch mit einem Seitenverhältnis von 1 : 1,2 stammt. Es handelt sich hierbei wohl um ein sogenanntes Kreuzrippengewölbe. Der Kreuzungsstein dagegen, welcher 4 orthogonal zueinander angelegte Anschlussflächen mit einem Birnstabprofil besitzt, lässt sich einem figurierten Gewölbe zuordnen. Die Forschungen und der Vergleich mit noch bestehenden Kirchbauten lassen Rückschlüsse auf ein sogenanntes Parallelrippengewölbe in Kombination mit einer Scheitelrippe in Längsrichtung zu. Der ursprüngliche Bau besaß also mindestens zwei verschiedene Wölbarten.

Die Maßwerkspolien konnten zunächst anhand ihrer „Rücken“ – der Begriff Rücken bezeichnet hierbei den Teil des Werkstücks, welches mit den Gewändesteinen in Verbindung steht (Bild) – grob in mindestens 4 unterschiedliche Typen und damit differierende Maßwerkstrukturen unterteilt werden, da die Kombination zweier unterschiedlicher Rückenformen in einem Fenster unwahrscheinlich ist. Durch die Analyse und den Vergleich der zuvor im Bauteilkatalog festgestellten Maße verschiedener struktureller Abschnitte des Bauteils und dem visuellen Vergleich anhand der in ArchiCAD importierten Orthofotos der aussagekräftigsten „Schauseiten“ konnten die Binnenstücke den entsprechenden Gewändebauteilen zugeordnet und zu drei unterschiedlichen Maßwerken angeordnet werden. Die daraus resultierenden Rekonstruktionen lassen sich in verschiedene Bauphasen einordnen. Neben einem Maßwerkgefüge aus der sogenannten doktrinären Gotik am Ende des 14. Jahrhunderts gibt es ein weiteres, welches die typischen spätgotischen Merkmale der Westfälischen Kirchenbaukunst widerspiegelt und somit in die Zeit um 1450 einzuordnen ist. Eine weitere Rekonstruktion stellt einen schlichten Okulus mit Vierpass dar.

Herkunftsort:

Die Erforschung der Bauteile und die daraus resultierenden Rekonstruktionen lassen auf eine mehrschiffige Hallenkirche mit verschiedenen Bauphasen schließen.

Die Verknüpfung dieser Untersuchungen mit der anschließenden Literaturrecherche weist auf die ehemalige Aegidiikirche in Münster als Herkunftsort der Fundstücke.

* „ein bauliches oder bildliches Artefakt, das aus seinem ursprünglichen baulichen, bildlichen oder inhaltlichen Zusammenhang gelöst wurde und in einen neuen baulichen, bildlichen oder inhaltlichen Zusammenhang gebracht ist.“ (nach P. Morsbach, Geraubt, verschleppt, verbaut – was ist eine Spolie?, in: Stadt Regensburg, Amt für Archiv- und Denkmalpflege (Hrsg.), Spolien – steinerne Zitate der Geschichte. Von Römersteinen, Judensteinen und falschen Gräbern. Beiträge des 30. Regensburger Herbstsymposions für Kunst, Geschichte und Denkmalpflege vom 20. bis 22. November 2015 (Regensburg 2016) 9-17)

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