Die „Rosslpauer Sölden“ // W 2015/16

Die "Rosslpauer Sölden"

Camilla Usselmann / Masterarbeit WS 2015/2016 / Honorarprof. Dr. Peter Mosbach, Prof. Dr. Thekla Schulz-Brize

Die „Rosslpauer Sölden“

Dunkle ein- bis zweigeschossige Holzblockbauten mit Trauf- und Giebelschroten, flachgeneigte Legschindeldächer, kleinformatige Fenster, bemalte Türstöcke – solche Gebäude prägten über Jahrhunderte das Landschaftsbild des Bayerischen Waldes (1).

Im Rahmen der Masterarbeit wurde der Blockbau Einöder Straße 18 vollständig händisch sowie tachymetrisch aufgemessen, der aktuelle Zustand mittels eines Raumbuchs dokumentiert sowie mögliche ursprüngliche Grundrisse mit Hilfe der ermittelten Bauphasen rekonstruiert. Zudem wurden Ideen für eine neue Nutzung erarbeitet, da der langfristige Erhalt des momentan leerstehenden und daher vom Verfall bedrohten Gebäudes von einer dauerhaften Nutzung abhängt.

Bei dem Gebäude handelt es sich um eine traufständige, zweigeschossige Einfirstanlage mit vorkragendem Satteldach und Traufschrot. Der Wohnbereich ist überwiegend als verzinkter Kantholzblockbau mit Schwalbenschwanzverbindungen, der im Westen angrenzende Stadel als verschalte Holzständerkonstruktion ausgeführt. Die Tannenbalken des Blockbaus ruhen auf einem vortretenden Schwellenkranz aus Eichenholz. Über dem Eingang im Obergeschoss liegt auf leicht abgefasten Konsolen ein Schrot auf, dessen Brüstung in Form von Brettbaluster gestaltet ist. Vermutlich verlief dieser ursprünglich über die gesamte Hausbreite und wurde später auf die heutige Breite gekürzt. Wie für Bauernhäuser dieser Region typisch, besitzt auch die Einöder Straße 18 ein Pfettendach mit einer flachen Neigung (26°). Ehemals war das Dach mit Logschindeln gedeckt (2); heute besitzt es eine Falzziegeldeckung. Die Grundform des gesamten Gebäudes ist längsrechteckig; Wohn- und Wirtschaftsteil sind dabei annähernd gleich breit und weisen jeweils eine etwa quadratische Grundform auf.

Entgegen bisheriger Annahmen konnte nachgewiesen werden, dass der Blockbau nicht aus dem 18./19. Jh., sondern bereits aus dem frühen 17. Jh. stammt. Verschiedene Aspekte, wie die Ausführung des Schwellenkranzes aus Eichenholz, zugesetzte kleine Lukenfenster sowie auch die Art der Abfasung der Blockkonsole unter dem Schrot (3), sprechen, neben den dendrochronologischen Untersuchungen (Fälldatum der Hölzer: 1614-1620), für ein Erbauungsdatum in diesem Zeitraum.

Die Eigentumsfolge konnte mit Hilfe der entsprechenden Archivalien über ca. 400 Jahre fast lückenlos ermittelt werden. Der früheste Eintrag zu dem Anwesen wurde in einem Urbar von 1654-1673 gefunden, wonach die „Roßlpauern Sölden auf der Ainedt“ von einem gewissen Adam Dickhlpauer bewohnt wurde (4).

Der Stadel wurde 1899 (5) an das Wohngebäude angeschlossen. Dass der Blockbau ursprünglich separat stand, ist auch an der partiell noch vorhandenen  Verschandelung (6) der Westfassade festzustellen. Ursprünglich handelte es sich bei dem Anwesen nicht um einen Einfirsthof, sondern um einen aus fünf Gebäuden bestehenden Haufenhof (7); die Wirtschaftsgebäude wurden im Laufe des 19. Jhs. abgebrochen (8). Im Zuge des Stadelneubaus und der hiermit einhergehenden Errichtung eines gemeinsamen Daches für beide Gebäudeteile wich der ursprüngliche Blockgiebel des Wohnhauses einem stehenden Dachstuhl.

In der 2. Hälfte des 20. Jhs. (9) ging besonders im Erdgeschoss ein Großteil der historischen Substanz verloren; alle Blockbaubinnenwände wurden in dieser Bauphase abgebrochen und durch gemauerte Wände teils an gleicher, teils an anderer Stelle ersetzt. Im Zuge von Sanierungsmaßnahmen müssten diese Umbauten rückgebaut werden, da sie das historische Grundrissgefüge stören.

Aufgrund dieser baulichen Eingriffe und des mittlerweile ca. 30-jährigen Leerstandes weist der Blockbau konstruktive sowie feuchtigkeits- und schädlingsbedingte Schäden auf, sodass zeitnah Notsicherungsmaßnahmen wie z.B. die Abdichtung des Dachs und die Sicherung des einsturzgefährdeten Stadels durchgeführt werden müssten. ­­

Nach statistischer Auswertung der entsprechenden Denkmallisten des Raums Passau konnte festgestellt werden, dass der Großteil der 746 verzeichneten Blockbauten aus dem 18./19. Jh. stammt. Aus dem 17. Jh. sind zehn Blockbauten erhalten, wobei das Masterarbeitsobjekt den einzigen zweigeschossigen Blockbau aus der 1. Hälfte des 17. Jh. darstellt.

Mit der Masterarbeit über den somit ältesten zweigeschossigen Blockbau im Raum Passau sollte ein Beitrag zum Schutz dieser für Niederbayern landschaftsprägenden Gebäude sowie zur Bauernhausforschung geleistet werden.

 

(1) M. Ortmeier, Herent und drent, Alte Bilder aus dem Bayerischen Wald und dem Böhmerwald (Amberg 2008),  S. 78.

(2) Passau, Stadtarchiv (StdA Passau), SAP IIII 125 [Grundbuch der allgemeinen Brandversicherungs-Anstalt des Königreichs Bayern für die versicherten Gebäude in der Gemeinde Heining, königliches Landgericht Passau im Unterdonau-Kreise, angefertigt im Jahre 1835/1836].

(3) T. Gebhard, Wegweiser zur Bauernhausforschung in Bayern, aus der Reihe: K. Puchner (Hrsg.), Bayerische Heimatforschung, Heft 11 (München 1957), S. 94; H. Bader, Beispiel einer wissenschaftlichen Hausdokumentation und Bauforschung, Das „Freilinger Häusl“, in: H. Gebhard – G. Baumgartner (Hrsg.), Bauernhäuser in Bayern, Band 5, Niederbayern, (München 1995), S. 117 f.

(4) München, Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA München), HL Passau (Rep. 101) Verz. 4, Nr. 1482 [Urbar der Grafschaft Neuburg am Inn von 1654-1673 (Heiningeramt)], fol. 299v.

(5) Staatsarchiv Landshut (StA Landshut), Grundsteuerkataster (Rep. 127) 13/14 Band 16 [Umschreibehefte zum 2. renovierten Kataster der Gemarkung Heining 1889-1967], fol. 192 1/3.

(6) diente vor Stadelanbau als Wetterschutz.

(7) BayHStA, HL Passau 380 [Urbar der Grafschaft Neuburg am Inn von 1674], fol. 189v -191r.

(8) StALa, Grundsteuerkataster (Rep. 127) 13/14 Band 16, fol. 192 1/3; StALa, Grundsteuerkataster (Rep. 127) 13/14 Band 13 [2. renovierter Kataster der Gemarkung  Heining 1889], fol. 192.

(9) nach Aussage der Eigentümer.

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